17.09.2015 NRZ-Bericht “Es werde Licht!”

Ingo Plaschke

Hans Werner Thurmann, hier bei einer Ausstellung im Peschkenhaus in Moers.

Hans Werner Thurmann, hier bei einer Ausstellung im Peschkenhaus in Moers.

Moers.   Hans Werner Thurmann arbeitet seit fast vier Jahrzehnten an seinem Stil. Die neuesten Bilder des Landschaftsmalers aus Moers erhellen mehr denn je ihre Betrachter – denn: Kunst ist auch ein Gefühl

Nebenbei bemerkt, Hans Werner Thurmann ist in diesem Jahr 65 Jahre alt geworden. Natürlich wäre das Anlass genug gewesen, in die Öffentlichkeit zu drängen. Doch Herr Thurmann hat sich lieber erst ein halbes Jahr später gemeldet – weil es jetzt wirklich etwas zu erzählen gibt. „Ich habe wieder einen Schritt gemacht“, freut er sich am Telefon – und lädt auf einen Kaffee in sein Atelier am Rand der Innenstadt ein.

Bild: Kuhle im Gegenlicht

Von Natur aus – schön: “Kuhle im Gegenlicht”. Ein Bild zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Foto: PRIVAT

Ein früher Herbstmorgen, ganz ehrlich, wie gemalt. Der Himmel blau, die Luft klar, das Sonnenlicht holt aus den Farben der Apfel-, Birnen- und Pfirsichbäume heraus, was von Natur aus in ihnen steckt. Ein Bild von einem Garten hinterm Haus, bei dem selbst ein Laie sehen, ja spüren kann, warum dieser Mann bereits in aller Herrgottsfrühe im weißen Kittel an der Staffelei steht, aus dem übergroßen Fenster seines Arbeitsraumes schaut – und Landschaften malt.

Beuys und die Bretagne

Eben. HW Thurmann ist ein Landschaftsmaler. Seit nunmehr 37 Jahren schon, freischaffend, auch das ist eine Kunst. „Es gibt immer wieder Zeiten, in denn es nicht so gut läuft“, gibt er zu. Der Niederrheiner, also auch ein wenig eigenwillig, hat sich aber nie anderweitig verdingen müssen oder unliebsam verbiegen lassen. Gegen jede Mode geht er seinen Weg, auch wenn er behauptet: „Ich habe kein Ziel. Ich weiß nicht, wohin mich meine Malerei noch führen wird.“

Sieh mal einer an: Die „Waldwinkelskuhle am Morgen“, übrigens in Niep, die da oben an der schneeweißen Wand hängt, ist gerade verkauft und geht demnächst in die Bretagne, ausgerechnet in die Heimat der Post-Impressionisten. Wenn man so will, ist auch der Maler aus Moers eine Lichtgestalt. Er beobachtet die Natur ziemlich lange und sehr genau, er bringt seine Eindrücke und Wahrnehmungen mit Hilfe von Ölfarben auf die Leinwand.

„Ich wähle ein Motiv nicht nach seiner vordergründigen Schönheit aus. Mich interessiert viel mehr die Atmosphäre, die durch Licht entsteht und entsprechende Farbklänge hervorbringt“, erklärt der Schüler von Joseph Beuys. Sein einstiger Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf ließ ihn auch schon mal mehrere Stunden vor einem Baum im Hofgarten hocken, gucken, fühlen – und dann erst mit dem Bleistift zeichnen.

Das zu verstehen ist wichtig, um Hans Werner Thurmann zu verstehen: Er malt keine Abbilder der Wirklichkeit, seine Werke sind kein fotografischer Realismus. Er malt Sinnbilder des Bewusstseins, seine Malerei ist eine augenblickliche Verführung, eine wohlfühlende Irritation, ein phänomenales Wechselspiel von Schein und Sein.

Kurz: Hans Werner Thurmann macht uns etwas vor! Mehr und besser denn je! Noch ungegenständlicher, noch abstrakter als bisher! Das also ist der Schritt, den er in den vergangenen ein, zwei Jahren gemacht hat, und von dem er am Telefon geschwärmt hat. „Für mich war es ein Kraftakt“, ächzt er.

Wenn er seine tiefgründigen Landschaften ausbreitet, nicht zwingend aber gerne in größeren Formaten, verschwinden die Details, verweichlichen die Konturen, verschwimmen die Farben — und verwischt die Wahrnehmung des Betrachters.

Zum Beispiel die „Kuhle im Gegenlicht“: Ein Traum von einem Augenblick – ein ruhiger See, Bäume am Ufer, die Sonne blinzelt über die Wipfel hinweg, auf dem Wasser wirft die Natur ihr Spiegelbild. Man braucht bloß vier, fünf Schritte zurück zu gehen, oder zwei drei nach links beziehungsweise nach rechts, und sieht plötzlich Dinge, die vorher nicht zu sehen waren.

Denken und Fühlen

Eine Magie der Malerei, die der Künstler erklären kann: „Farbe löst Emotionen aus. Wer meine Bilder richtig anschauen möchte, bewegt sich zwischen Denken und Fühlen. Aus jedem Blickwinkel verändert sich die Wahrnehmung.“

Das klingt jetzt mehr nach Gefühl als nach Verstand, nach Bauch statt Kopf – und das scheint eine gute Voraussetzung zu sein, um sich Bilder wie „Sonniger Tag am Moersbach“ oder „Bergwald“ anzuschauen. Selbstverständlich ertappt sich der Betrachter dabei, die Landschaft zu verorten. Ist das nicht…? Könnte das nicht…?

Mit selbstkritischem Verlaub: Wer so denkt, hat noch nicht ganz begriffen, worum es Hans Werner Thurmann wirklich geht.

Ein Besuch im Atelier des Künstlers

  • Nur Mut! Hans Werner Thurmann (Bild: M.A.) lädt interessierte Besucher ausdrücklich in sein Atelier nach Moers ein. Und ganz ehrlich: Der Mann ist und redet überhaupt nicht abgehoben.
  • Unbedingt beachten: Im Vorgarten türmt sich auf 28 Metern über Normalnull der Monti di Speranza auf. Ein künstlich angelegter, nun ja, Hügel, also ein Werk des bergbegeisterten Hausherrn, der selbstverständlich auch den Titel mit Bedacht wählte. Für alle Nicht-Italiener: Speranza heißt übersetzt Hoffnung.

Das Atelier von Hans Werner Thurmann befindet sich an der Hoffnungsstraße 4 in 47441 Moers. Ein Besuch ist nach vorheriger Anmeldung gerne möglich. Kontakt zum Maler: 02841/ 2 18 81. Infos im Internet: http://www.hwthurmann.de.

<– zurück zum Archiv weiter –>